Finanznews, 07.05.2022

Buchdruck, Dr. Google und der Zinszuwachs

In dieser Kolumne geht es um einen sicheren Hafen, den wir Europäer nicht so recht akzeptieren wollen, einen nachhaltigen Zielekonflikt und die Frage, wie viel Zeit wir täglich im Internet verbringen.

So nah und doch so fern!

Die Welt hat sich massiv verändert. Unser Leben wird zunehmend digitaler. Das betrifft nahezu jeden Bereich. Ganz egal, ob wir die Börsenkurse checken, Dr. Google über unsere Symptome befragen, unsere Produkte anpreisen, uns über ein vietnamesisches Kochrezept informieren oder einfach nur auf der Suche nach einem neuen Traumpartner sind.

Auch ich persönlich liege prinzipiell voll im Trend. Heute aber bin ich wild entschlossen, mich auch der realen Welt zu stellen. Am Vormittag zieht es mich in die Grazer Innenstadt zur Buchhandlung Moser. Das Geschäft öffnete bereits 1868 erstmals seine Pforten. In einer Zeit, in der noch Pferdekutschen und nicht die Straßenbahnen das Stadtbild prägten. Nächste Woche am Samstag werde ich in diesen ehrfürchtigen Räumen mein neues Buch vorstellen. Auch wenn es für den einen oder anderen sonderbar klingen mag. Eine Präsentation vor realen Menschen und nicht in den unendlichen Weiten des Internets!

Aktuell verbringen erwachsene Menschen fast sieben Stunden täglich im Internet. Die Deutschen (5:22 Stunden), Österreicher (5:42) und Schweizer (5:45) verbringen im Vergleich zu anderen Ländern noch (?) deutlich mehr Lebenszeit in der realen Welt.

Mehr als ein Drittel unserer Internet-Zeit verbringen wir in sozialen Netzwerken. Spannend finde ich das Ergebnis einer aktuellen Umfrage in Deutschland, in der 52% der Befragten nach wie vor Bücher in gedruckter Form dem e-Book (14%) bevorzugen. Sollten auch Sie zu den 80% der Menschen gehören, die Bücher lesen, kann ich Ihnen einen Besuch beim Buchhändler Ihres Vertrauens nur wärmstens empfehlen.

Auch wenn wir Europäer es nicht so recht wahrhaben möchten, liegt der „Sichere Hafen“ nicht dies- sondern jenseits des Atlantiks!

Das glitschige Börsenparkett, an dem Händler im feinen Zwirn wildgestikulierend und lautstark ihre Kauf- und Verkaufsaufträge platzieren, gehört auch der Vergangenheit an. Ein Großteil der Transaktionen im Finanzbereich wird mittlerweile digital abgewickelt. Diese Veränderung hat wie jede Medaille zwei Seiten. Auf der einen Seite stehen Transparenz, Schnelligkeit und niedrige Handelskosten. Dem gegenüber stehen vollautomatisierte Computersysteme, die auf Basis von Algorithmen „selbstständig“ ins Handelsgeschehen eingreifen. Noch nie in der Vergangenheit haben die großen Finanzkonglomerate so intensiv darüber gestritten, wer seinen Server ein paar Meter näher an der Börse aufstellen darf. Bei einer Behaltedauer, die oftmals nur im Millisekundenbereich liegt, scheint das auch irgendwie nachvollziehbar. Frei nach der Devise: So nah und doch so fern!

Der Trend an den Finanzmärkten geht in Richtung Nachhaltigkeit. Der EU-Aktionsplan verfolgt das Ziel, Finanzströme in eine nachhaltige Richtung zu lenken. Insofern ist es sehr verwunderlich, dass die deutsche Finanzaufsicht Bafin diese Woche ihre Richtlinie zur Einstufung nachhaltiger Fonds auf unbestimmte Zeit verschoben hat. Für mich wird dadurch der Zielekonflikt offensichtlich. Auf der einen Seite gilt es das Energieproblem, welches durch die russische Invasion in die Ukraine ihren Ursprung nahm, zu lösen. Andererseits wollen wir Europäer in wenigen Jahrzehnten klimaneutral sein. Wie aber soll der Transformationsprozess ausschauen?

Auf der COP26 Konferenz haben sich 40 Staaten dazu entschlossen, aus der Kohle auszusteigen. Im Jahr 2021 wurde aber um 9% mehr Energie aus Kohle gewonnen als im Vorjahr. Das ist der größte Anstieg seit 1985. Um die Klimaziele zu erreichen, ist ein sukzessiver Ausstieg aus fossilen Brennstoffen zwingend erforderlich. Bis 2030 ist ein kontinuierlicher Rückgang von 13% pro Jahr geplant. Mehr als die Hälfte der aus Kohle gewonnen Energie entfällt auf China. Gemeinsam mit Indien (11,6%) und den USA (6,1%) zeichnen sich allein diese drei Nationen für 70% der Gesamtproduktion verantwortlich.

Abschließend schauen wir noch einen Blick auf die Finanzmärkte. Diese Woche gibt es „Historisches“ von der amerikanischen Notenbank zu berichten. Erstmals seit 22 Jahren hat die Fed den Leitzins um 50 Basispunkte erhöht. Ob damit die davongaloppierende Inflation eingefangen werden kann, bleibt abzuwarten. Eines ist aber sonnenklar. Der Druck auf EZB-Präsidentin Christine Lagarde ist dadurch mit Sicherheit nicht kleiner geworden. Mal schauen, wie lange der erste Zinsschritt der EZB noch auf sich warten lässt.

Die Finanzmärkte regierten zunächst „entspannt“ auf den Zinsschritt. Am Donnerstag kam es dann aber zu einer deutlichen Korrektur, in der vor allem Technologie-Titel deutlich Federn lassen mussten. Auch der Euro kam in diesem Umfeld unter Druck. Allein im letzten Jahr hat die europäische Leitwährung rund 12% gegenüber dem US-Dollar an Wert eingebüßt. Auch wenn wir Europäer es nicht so recht wahrhaben möchten, liegt der „Sichere Hafen“ nicht dies- sondern jenseits des Atlantiks!