Finanznews, 05.11.2022

Der Kater am Morgen danach

In dieser Kolumne geht es um die wertvollsten Marken der Welt, den Einfluss der Notenbanken auf Tech-Unternehmen und die Frage, ob die Finanzmärkte zu einer Jahresendrallye abheben.

Atemberaubendes Tempo

Die Herbstferien und Halloween sind vorüber. Seit 1998 verdiene ich meine Brötchen – oder in meinem konkreten Fall meine Espressi – im Finanzsektor. Schon häufig habe ich eine Jahresendrallye erlebt, die Anfang November so richtig an Fahrt aufgenommen hat. Ob das auch heuer so sein mag, werden wir seriöserweise erst am Silvesterabend beantworten können. Mein Gefühl sagt mir, dass das aber auch durchaus 2022 der Fall sein kann. Auch wenn es die letzten Tage Dank dem lieben Jerome nicht so den Anschein hatte.  Aber mehr dazu etwas später.

In den USA, dem größten Aktienmarkt der Welt, haben mittlerweile nahezu ein Drittel der Unternehmen ihre Unternehmensergebnisse vorgelegt. Das Ergebnis mag durchaus überraschend sein, da rund zwei Drittel der Ergebnisse über den Erwartungen liegen. In der Eurozone konnten sogar drei Viertel der Unternehmen den Markt überraschen.

Die wertvollste Marke der Welt ist Apple, deren Markenwert alleine auf $355,1 Milliarden geschätzt wird. Wen wunderts! Ist Ihnen bewusst, dass mehr als die Hälfte der US-Bürger ein iPhone besitzt? Dicht dahinter kommt der Shopping-Riese Amazon mit $350,3. Google mit $263,4 Mrd. und Microsoft mit $184,2 Mrd. folgen mit bereits deutlichem Respektabstand. Mehr als ein Drittel des Markenwertes der Top-100 Brands vereinnahmen Tech-Unternehmen für sich. 50 Unternehmen der Top-100 kommen aus den USA, 23 aus China. Abgeschlagen auf Rang 3 liegt Deutschland mit 8 Unternehmen. Apropos Deutschland, die wertvollste Marke Europas ist jene von Mercedes-Benz, welche mit $60,8 Milliarden bewertet wird. Damit schafft es der Autobauer immerhin noch auf den 15. Platz. Die wertvollste Automarke ist überraschenderweise nicht Tesla ($48 Mrd.) sondern Toyota mit einem Markenwert von $63,3 Milliarden. Mit der Deutschen Telekom auf Rang 17 ($60,2 Mrd.) schafft es ein zweites deutsches Unternehmen in die Top-20.

Bleiben wir noch kurz bei den High-Flyern der letzten Jahre. Die FAAMG-Aktien – also Facebook, Apple, Amazon, Microsoft und Google – bestimmten das Börsengeschehen der letzten Dekade. Ende 2021 – also vor nicht einmal einem Jahr, repräsentierten diese fünf Unternehmen 23% des Börsenwertes des S&P 500 Index. Heuer mussten Investoren aber etwas Federn lassen. Die Marktkapitalisierung ist auf „nur“ 17% des S&P 500 zurückgegangen. Im Vergleich dazu waren die Top-5 Unternehmen in der Blütephase der Internet-Blase mit 7,7% gewichtet.

2008 war der Ölkonzern Exxon Mobil das wertvollste Unternehmen. Die Bedeutung von Energie-Titel ist seit damals allerdings deutlich zurückgegangen. Erleben wir heuer eine Trendwende? Seit Putins Einmarsch in die Ukraine konnten Energie-Aktien eine deutliche Outperformance hinlegen. Und Exxon Mobil hat gerade erst das beste Ergebnis seiner 152jährigen Unternehmensgeschichte publiziert. Das ist insofern spannend, da der Aktienkurs erst im März 2022 – also vor etwas mehr als einem halben Jahr – wieder das Niveau von 2008 erreicht hat. Seit März schaut das Bild aber ganz anders aus. Während der breite S&P 500 trotz der jüngsten Erholung mehr als 10% an Wert einbüßte, konnten sich Exxon Mobile Aktionäre über Gewinne von mehr als 30% freuen.

Spannend finde ich auch den Einfluss der Notenbanken, die nun Schritt für Schritt in atemberaubendem Tempo die Leitzinsen erhöhen und dem Markt sukzessive die Liquidität entziehen. Die Bilanzsumme der größten Notenbanken (Fed, EZB, BOE, BOJ) ist heuer um $3,3 Billionen und damit um mehr als 10% geschrumpft. Die Notenbanken haben also ihre Wertpapierbestände, die sie in den letzten Jahren angehäuft haben, deutlich reduziert. Spannend ist nun, dass die großen US-Tech-Unternehmen (META, Amazon Apple, Netflix, Microsoft, Google und Tesla) im gleichen Zeitraum $4,1 Billionen an Börsenwert verloren haben. Ich bin schon gespannt, ob der Zusammenhang zwischen der entzogenen Liquidität und den Börsenkursen der Tech’s aufrecht erhalten bleibt.

Apropos Notenbanken. Das große Ziel ist es, die Inflation „endlich“ einzudämmen. Die US-Fed hat am Mittwoch erneut nachgelegt und den Leitzins abermals um 0,75% angehoben. Bis dato hat die Strategie dies und jenseits des Atlantiks noch nicht wirklich gefruchtet. In Österreich haben wir mittlerweile eine Inflationsrate von 11%, in Deutschland immerhin 10,4%. Viele Marktteilnehmer gehen daher davon aus, dass der Zinserhöhungszyklus damit noch lange nicht abgeschlossen ist.

Abschließend kommen wir noch zum Anleihenmarkt. Der Bloomberg Global Aggregate Index umfasst mehr als 28.000 Einzelanleihen, die einen Börsenwert von $55 Billionen repräsentieren. Der Index wurde 1990 erstmals berechnet. Das bisher schlechteste Jahr erlebten wir 1999 mit -5,17%. Heuer hat der Index mehr als 20% an Wert eingebüßt. Nach einer jahrelangen Party folgt 2022 der Kater am Morgen danach!