Finanznews, 10.09.2022

Die Zinsen und die Staatsfinanzen

In der aktuellen Kolumne geht es um Rezessionswetten, die Kosten des Zinsanstieges und die Frage, warum mir Warren Buffet eine Dankeskarte schreiben sollte.

Buffett und die Dankeskarte

Warren Buffet ist ein amerikanischer Großinvestor und Chef der Investmentfirma Berkshire Hathaway. Dieser Tage feierte er seinen 92. Geburtstag. Seiner Biografie habe ich entnommen, dass er sehr gerne Fastfood isst und dazu eine Cola trinkt. In diesem Belangen ist er für mich definitiv kein Vorbild, schließlich bevorzuge ich meinen Espresso.

Seit ich mich für Börse und Finanzen interessiere, ist Warren Buffet aber nichtsdestotrotz ein ständiger Wegbegleiter. Für mich zeichnet ihn ein klarer Fokus, Weitblick mit einem guten Gespür für ein ertragreiches Geschäftsmodel und der Mut aus, Krisen und Übertreibungsphasen antizyklisch zu überstehen. Das sind Weisheiten, die für jeden Investor von Relevanz sein sollten. Ohne überheblich zu sein, scheine aber auch ich als Person ihm gut zu tun. Aktuell wird das Vermögen Buffets auf knappe 100 Milliarden Dollar geschätzt. Wussten Sie, dass Warren 95% seines Vermögens erst nach seinem 65. Geburtstag verdient hat. Damit hat er in „unserer“ gemeinsamen Zeit immerhin satte 95 Milliarden Dollar verdient. Eine Dankeskarte ist meiner Meinung nach angebracht, auf die ich aber vergeben warte.

Warren Buffet ist Zeit seines Lebens bescheiden geblieben. Einen Porsche werden wir vermutlich nicht in seiner Garage finden. Apropos Porsche. Der Aufsichtsrat gab der Volkswagen-Tochter grünes Licht für einen Börsengang. Der Sportwagenhersteller wird vermutlich auf zwischen 60 und 80 Milliarden bewertet. Der Porsche 911 Turbo S braucht für die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h lediglich 2,7 Sekunden.  Das auch der Aktienkurs ebenso rasant beschleunigt, wage ich aber zu bezweifeln.

Kommen wir zur Makroökonomie. In den USA ist die Arbeitslosenrate im Juli zwar etwas gestiegen, mit einem Wert von 3,7% liegt man im historischen Vergleich immer noch auf einem außergewöhnlich niedrigen Niveau. Im Vergleich dazu betrug sie im April 2020 in den Anfängen der Corona-Pandemie noch unglaubliche 14,7%. Die Arbeitslosenrate ist allerdings nur bedingt aussagekräftig. Rund 40% der Amerikaner gehen einer Nebentätigkeit nach – ein nicht unwesentlicher Teil vermutlich davon, weil sie mit dem Hauptjob allein nicht über die Runden kommen.

An den Finanzmärkten blickt man gegenwärtig besorgt auf die Inflation. Diese Woche gab die Türkei an, dass die Inflation auf über 80% geklettert ist. Präsident Erdogan hat der türkischen Zentralbank untersagt, den Leitzinssatz anzuheben, um dem entgegenzuwirken. Wer nicht spurt, verliert den Job! In den letzten beiden Jahren mussten bereits vier türkische Notenbank-Chefs ihre Sessel räumen.

“Powells Strategie hat aber auch eine Kehrseite. Die Wetten auf eine längere Rezession nehmen zu.”

Im Vergleich dazu sind die Inflationsraten in Europa noch „gering“. Am Donnerstag hat EZB-Präsidentin Christine Lagarde die Leitzinsen für den Euroraum um 0,75% erhöht. Nach der Zinsanhebung um 0,50% im Juli setzt sie damit ein weiteres Zeichen im Kampf gegen die hohe Inflation. Die EZB wandert damit auch auf den Spuren der FED.

Apropos FED, deren Präsident Powell hat heuer die Zinsen bereits um 2,25% erhöht. Eine weitere Zinserhöhung steht laut Einschätzung der Märkte im September bereits ante portas. Die Strategie der US-Notenbank scheint Früchte zu tragen. Die zweijährige Inflationserwartung des Marktes ist von 5,5% im März auf aktuell 2,2% gesunken und liegt damit nur mehr knapp über dem Fed-Ziel von 2%. Powells Strategie hat aber auch eine Kehrseite. Die Wetten auf eine längere Rezession nehmen zu. Sollte das eintreten, wird sich der Druck auf Risiko-Assetklassen wie Aktien oder Unternehmensanleihen mit schlechterer Bonität weiter erhöhen.

Mit einem Wertverlust von mehr als 20% (Bloomberg Global Aggregate TR Index)  ist 2022 definitiv das Jahr der Anleihen. Vorrausschauend betrachtet bringt das zwar höhere Renditen. Für all jene, die bereits in Anleihen investiert waren, heißt es aber Wunden lecken, da die Verluste vom Ausmaß her bereits historisch außergewöhnliche Dimensionen angenommen haben.

Der Zinsanstieg wirkt sich auch auf die Staatsfinanzen aus. Österreich hat diese Woche eine 10-jährige Anleihe mit einer Rendite von 2,15% herausgegeben und muss damit für die Finanzierung um 0,73% mehr berappen als noch vor einem Monat. Diese Entwicklung betrifft aber nicht nur Österreich, sondern fast alle Staaten. Der Internationale Währungsfonds hat bereits davor gewarnt, dass sich die Situation in Frankreich, Italien, Portugal oder auch Spanien aufgrund der hohen Verschuldung wieder etwas verschärfen könnte.

Abschließend stellt sich für mich noch die Frage, ob ich persönlich das Potenzial habe, auf Warren Buffets Spuren zu wandern. Werde auch ich an meinem 92. Geburtstag 100 Milliarden Dollar schwer sein? Realistischerweise wohl eher nicht. Selbst nicht in einem Umfeld, in dem aufgrund anhaltend hoher Inflationszahlen es nur so von Millionären und Milliardären wimmelt!