Finanznews, 22.10.2022

Energieschub wird wohl noch etwas warten müssen

In dieser Kolumne geht es um den Börsenwert der 10 größten Unternehmen der Welt, die trüben Prognosen des IWF und die Frage, ob ich bald auf einem iBike ins Büro radeln werde.

US-Tech-Riesen auf Sparflamme

Heute bin ich etwas müde. Gestern Abend habe ich bei einer Parlamentsveranstaltung über den Zusammenhang zwischen den Brennpunktthemen Nachhaltigkeit und Technologie gesprochen. Nach meiner Keynote habe ich noch etwas länger mit Teilnehmern über aktuelle Trendthemen diskutiert. Insofern bin ich erst relativ spät ins Bett gekommen. Selbst für mich als gelernten Frühaufsteher war es heute schwer, aus den Federn zu kommen. Ein Mitgrund dafür ist natürlich auch, dass es für mich um diese Zeit im Hotel unmöglich ist, einen guten Espresso zu bekommen. Der Energieschub wird wohl noch etwas warten müssen.

Die 10 größten Unternehmen der Welt repräsentieren einen Börsenwert von 12 Billionen US-Dollar. Abgesehen von Saudi Aramco und der chinesischen Tencent besteht die Top-10-Liste ausschließlich aus US-Unternehmen. Anfang des Jahrtausends war es noch anders. Mit der japanischen NTT Docomo und Nippon Telegraph gehörten mit Nokia und der Deutschen Telekom zwei Europäer zum erlauchten Kreis der 10 wertvollsten Unternehmen der Welt.

Europa hat in den letzten zwei Jahrzehnten zunehmend an Bedeutung verloren. Das betrifft aber nicht nur die Top-10 Liste, sondern auch die breite Masse. Die Gewichtung europäischer Titel im MSCI World All Country Index, der die größten Unternehmen aus 23 „Entwickelten Ländern“ und 24 „Schwellenländern“ umfasst, hat sich seit der Finanzkrise nahezu halbiert. Ein Grund liegt – meiner Einschätzung nach – auch an der Struktur. Europa steht tendenziell für Tradition, Industrie, Pharma und Finanz. In den USA sind die führenden Technologie-Unternehmen beheimatet. Silicon Valley lässt grüßen.

Mittlerweile ist die Gewichtung von Technologie-Unternehmen auf mehr als 20% gestiegen. 75% des Börsenwertes vereinnahmen US-Techunternehmen. Das macht sich auch in der Performance von Aktienindizes bemerkbar. All jene, die ihr Geld in Europa investiert haben, konnten in den letzten fünf Jahren kein Geld verdienen. Im Gegensatz dazu konnten Investoren, die in den breiten amerikanischen Aktienmarkt veranlagt haben, sich trotz der Krisen über Gewinne von mehr als 40% freuen.

“Nach 6% im Jahr 2021 und 3,2% im laufenden Jahr geht die Abwärtsdynamik weiter. Diese Entwicklung teilen auch Führungskräfte von großen Unternehmen.”

Im Oktober startet die Gewinn-Saison. Bisher haben etwas mehr als 5% der Unternehmen ihre Quartalsergebnisse vorgelegt. Auch wenn wir erst am Beginn stehen, kann bisher ein positives Attest ausgestellt werden. In Summe konnten 62% der Unternehmen die Erwartungen übertreffen. Demgegenüber stehen 33%, die hinter der Markterwartung liegen. Im Vergleich zum Vorjahr betrug das durchschnittliche Gewinnwachstum 8,6%. Das ist ordentlich. An den Finanzmärkten wird aber vorwiegend die Zukunft gehandelt. Und da verkehrt sich das Bild.

Der Internationale Währungsfonds hat diese Woche nochmals seine trübe Einschätzung für die Weltwirtschaft offengelegt. In einem Strategiepapier legen Volkswirte des IWF dar, dass sie mit einer 25% Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass das Wirtschaftswachstum 2023 unter 2% fallen wird. Mit 10% bis 15% Wahrscheinlichkeit soll das Wirtschaftswachstum sogar unter 1% liegen. Nach 6% im Jahr 2021 und 3,2% im laufenden Jahr geht die Abwärtsdynamik weiter.

Diese Entwicklung teilen auch Führungskräfte von großen Unternehmen. In einer global ausgelegten Umfrage von McKinsey blicken lediglich Entscheidungsträger des Energie-Sektors optimistisch in die Zukunft, wohingegen bei Managern anderer Sektoren der Pessimismus überwiegt. Dieser Entwicklung können sich nicht einmal die vielgepriesenen Tech-Unternehmen entziehen. Mit Microsoft kündigte diese Woche das nächste US-Technologieunternehmen an, 1.000 Mitarbeiter in mehreren Geschäftsbereichen zu entlassen. In Relation zu den aktuell 221.000 Mitarbeitern betrifft das 0,45% der Belegschaft. Das mag nach nicht viel klingen, kann aber durchaus als Zeichen interpretiert werden. Nach Meta, Twitter und Snap wechselt damit das nächste US-Tech-Unternehmen auf Sparflamme.

Der Trend zum e-Bike geht weiter. Apple arbeitet intensiv an einem Mixed-Reality-Headset, welches unter anderem für E-Biker konzipiert wird. Wird nach dem iPhone das iBike der nächste Kassenschlager aus der Apfel-Welt? Bin schon gespannt, ob ich in ein paar Jahren mit einem iBike ins Büro radeln werde.