Blogbeitrag

Immer wieder Teuerung bei Brot und Energie

Starke Preisanstiege bei Erdöl und Erdgas führten in der Vergangenheit immer wieder zu hoher Inflation und Rezession. Welche Rückschlüsse für die Gegenwart können wir daraus ziehen?

In der vorindustriellen Gesellschaft galt die Grundernte als Quelle des Reichtums. Hingegen schlechte Ernten führten zu Warenknappheit und hoher Inflation. Ohne die Missernten von 1788 und die darauffolgende Teuerungswelle hätte es wahrscheinlich keine französische Revolution im Jahr 1789 gegeben. Auch der Oktoberrevolution von 1917 gingen schlechte Ernten und Inflation voran. Das waren noch Naturzyklen. Doch ab den 70er-Jahren des 20. Jahrhundert kam Erdöl als Spielball der Macht – für unter ESG-Aspekten meist unterentwickelte Länder – hinzu.

 

Dazu folgende Historie vergangener ölpreisbedingter Inflationsperioden:

 

  • Yom-Kippur-Krieg: 6. bis 26. Oktober 1973

Handlung: Krieg von Ägypten, Syrien und weiteren arabischen Staaten gegen Israel.

Ausgang:  Am 22. Oktober 1973 rief der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in der Resolution 338 zum Waffenstillstand und Ende des Kriegs auf. Die Folge war die Ölkrise 1973/74: Die Organisation der arabischen Erdöl exportierenden Staaten (OAPEC) drosselte die Fördermengen um ca. 5%, um die westliche Welt bezüglich ihrer Unterstützung Israels unter Druck zu setzen, gegen welches die Arabische Liga seit 1948 mit wenig Erfolg einen umfassenden Wirtschaftsboykott verhängte. In der Folge stieg der Ölpreis  vom am 17. Oktober 1973 von rund 3 USD/Barrel auf über 5 USD, um im Verlauf des Jahres 1974  einen Peak von  über 12 USD zu erreichen. Die US-Inflationsrate stieg von 7,4% im September 1973 bis zum Höhepunkte im Dezember 1974 auf 12,3%. Im November 1973 fielen die USA in eine schwere Rezession, di bis März 1975 andauerte und einen BIP-Rückgang vom Hoch zum Tief von 3,2% brachte.

 

  • Von der Iranischen Revolution bis zum Ersten Golfkrieg (Ereignisse von 1979 und 1980):

1979/80: Auslöser Förderungsausfälle nach der islamischen Revolution im Iran (Sturz des Schah Mohammad Reza Pahlvi, der am 16. Jänner 1979 das Land verließ) und das Vorfeld des Beginns des Ersten Golfkriegs mit dem Angriff des Iraks auf den Iran, der am 22. September 1980 starte. Von Ende 1978 bis zum Peak im Jahr 1980 stieg der Ölpreis (WTI) von 14,85 auf 39,50 USD. Die US-Inflationsrate stieg von 9% im Dezember 1978 bis zum Peak im März 1980 auf 14,8%. Die Folge waren zwei US-Rezessionen, nämlich 1980 von Jänner bis Juli (Dauer sechs Monate) und Rückgang der Wirtschaftsleistung um 2,2%; 1981-82: Juli 1981 bis November 1982 (ein Jahr und vier Monate), BIP-Rückgang um 2,7%.

 

  • Kuwait-Krise 2. August 1990 bis 17. Jänner 1991:

Am 2. August 1990 besetzten irakische Truppen Kuwait. Nach langem diplomatischen Tauziehen holte am 17. Jänner 1991 unter Führung der USA eine Allianz bestehend aus 34 Ländern zum Gegenschlag aus. Die Militäroperation endete am 5. März 1991. Die US-Inflationsrate stieg von 4,8% im August 1990 bis Oktober 1990 auf 6,3%. Folge: In der Rezession von Juli 1990 bis März 1991 (acht Monate) war der US-Wirtschaftsleistung um 1,4% rückläufig.

 

  • 2008: Starke Schwellenländernachfrage treibt Ölpreis nach oben:

Eine starke Wachstumsdynamik der Schwellenländer, insbesondere Chinas führte zu einer enormen Nachfrage nach Rohstoffen und insbesondere Rohöl. Obwohl infolge steigender Dollarzinsen bereits schwarze Wolken über dem US-Immobilienkreditmarkt aufzogen, stieg der Ölpreis (WTI) bis 11. Juli 2008 auf ein historisches Hoch von 147,16. Ausgangsbasis der Rally: Tiefststand 2007 von 49,89 USD. Die US-Inflationsrate stieg von Jänner 2007 bis zum Peak im Juli 2008 von 2,1 auf 5,6%.

Paralleler Handlungsstrang: Zur Inflationsbekämpfung hat die Fed ihren wichtigsten Leitzins von noch 1% im Juni 2004 bis 29. Juni 2006 auf  5,25% angehoben, was der Auslöser der Subprime-Hypothekenmarkt-Krise war, die auf andere Bereiche des Immobilienkreditmarktes übergriff und sich mit der Lehman-Pleite am 15. September 2008 endgültig zu einer globalen Finanzkrise ausweitete. Die Folge: Eine ausgedehnte Rezession, die in den USA von Dezember 2007 bis Juni 2009 (1,5 Jahre) anhielt und eine Kontraktion der Wirtschaftsleistung um 5,1% bedeutete.

 

  • Heute: Künstliche Warenverknappung und Erholung vom Lockdown

Verordnungen zur Corona-Bekämpfung führten durch unterbrochene Lieferketten infolge geschlossener Betriebe, Häfen und Lufträume zu Lieferverzögerungen und Knappheiten. Kaum war dies bekannt, setzte am Markt der Mechanismus der self fulfilling prophecy ein: Handel und Industrie begannen größere Lagerbestände kritischer Waren und Rohstoffe zu horten und bestimmte Produkte waren schnell ausverkauft – eine Entwicklung die der Ukraine-Krieg noch verstärkte. Zuvor erholte sich der Tourismus- und Reiseverkehr und die Ölnachfrage stieg rasant an, während weltweit noch große Produktionserweiterungsspielräume bei Rohöl bestehen. Vor allem Saudi Arabien wäre in der Lage, die Produktion im Notfall schnell hochzufahren. Doch alle lassen sich Zeit und das Kriegsgeschehen in der Ukraine nimmt seinen Verlauf. Plötzlich kommt weniger Erdgas aus ukrainischen Pipelines im Westen an, dann ruft die EU wieder zu einem Ölboykott auf und selbst rund 41% der EU-Gasimporte, die zuletzt noch aus Russland kamen, sollten so schnell wie möglich ersetzt werden. All das hat inflationäre Wirkungen, genauso wie bestehende Lieferkettenunterbrechungen.

Die höchsten Inflationsraten seit den frühen 80er-Jahre waren die Folge. Die US-Inflationsrate erreichte im März mit 8,5% den höchsten Stand seit Dezember 1981 und lag im April mit 8,3% nur knapp darunter. Besonders stark um 30,3% stieg die Energiepreiskomponente und Flugtarife um ein Drittel. Im Euroraum liegt die Inflation im April bei 7,4%. Hauptpreistreiber ist dabei die Energiepreiskomponente, die um HVPI mit 10,93% gewichtet ist und im April um 37,5% anstieg. Unverarbeitete Lebensmittel verteuerten sich um 9,2% und Tabak um 7,6%. Die Kerninflation ohne Energie, Lebensmittel, Alkohol und Tabak läge nur bei 3,5%. Der Inflationsbeitrag von Energie liegt sogar bei 3,7 Prozentpunkten. Neben den Energiepreisen ist in ärmeren Ländern noch die Brotinflation ein Thema zumal die Ukraine keine Schiffsladungen Getreide liefern kann. Generell fallen in ärmeren Ländern steigende Energie- und Nahrungsmittelpreise noch stärker ins Gewicht. 8 von 9 EU Mitgliedsstaaten, die im April zweistellige Inflationsraten aufweisen sind ehemalige „Ostblockstaaten“. Die höchsten Inflationsraten weisen dabei Estland und Litauen mit je 19,1 bzw. 16,6% auf. Doch auch Brotpreise hängen indirekt mit der Preisexplosion bei Erdöl und Ergas zusammen. Erdgas wird beispielsweise in der Düngemittelproduktion verwendet und Landmaschinen benötigen Treibstoffe. Hier schließt sich also der Kreis wieder.

 

Fazit:

Der heutige Ölschock führte bereits dazu, dass die EU-Kommission und der IWF ihre Wachstumsprognosen stark nach unten schraubten. Volkswirte sprechen weltweit von Stagflation und eine zwischenzeitliche Rezession ist mittlerweile kein Tabu mehr. Je weniger jedoch Volkswirtschaften von Erdöl und Erdgas abhängig wären und je mehr sie auf erneuerbare Energien aller Art setzen würden, desto geringer wäre die immer wieder auftretende Inflationsschock-Rezessionsproblematik und diverse „diktatorische Erdöl/Erdgas-Export-Länder“ könnten weniger „Krisenrenditen“ auf Kosten der entwickelten Länder abschöpfen.