Finanznews, 12.11.2022

Katzenjammer und gallische Dörfer

In dieser Kolumne geht es um die Outperformance des „Winter-SPX“, den erlauchten Trillion-Dollar-Club und die Frage, ob Aktienmärkte nach einer Midterm-Wahl gut performen.

Etwas Balsam auf den Wunden

Es hat mich erwischt. Nein, keine Sorge, damit meine ich nicht, dass ich an der Börse unter die Räder gekommen bin. Ich habe heute Morgen meinen Espresso gegen einen Kräutertee getauscht. Es musste wohl ein ordentlicher Männerschnupfen um die Ecke kommen, um diese harte Maßnahme einzuleiten.

Mit der kalten Jahreszeit sollte aber auch wieder etwas Freude an den Finanzmärkten zurückkommen. Zumindest dann, wenn man die Aktienmarktperformance seit 1988 als Maßstab der US-Leitbörse S&P 500 (SPX) heranzieht. Der Winter-SPX – also die Performance zwischen 1. November und 30. April – konnte im Schnitt 7,5% erwirtschaften. Das ist mehr als doppelt so viel als die durchschnittliche Performance des Sommer-SPX mit 3,6%. Ob damit die alte Börsenweisheit „Sell in May and go away“ begründet wird, kann ich leider nicht seriös beantworten.

Apropos historische Wertentwicklung. Für alle Bullen unter Ihnen kann ich noch ein Argument für steigende Kurse liefern. Seit 1962 hat der S&P 500 jährlich durchschnittlich 8,1% performt. Diese Woche fanden in den USA die sogenannten Midterm-Wahlen statt. Das sind die Wahlen, die zur Halbzeit jeder Präsidentschaft stattfinden. Und jetzt wird es spannend. Die durchschnittliche Wertentwicklung des Aktienmarktes innerhalb der nächsten 12 Monate nach der Wahl betrug 16,3% und damit wiederum doppelt so viel wie der langfristige Durchschnitt.

Ob das ein Grund für den optimistischeren Investorenausblick ist? Nahezu die Hälfte aller Fondszuflüsse in ETFs ging in Aktien, nur 7% in US-Staatsanleihen. Damit haben die Investoren den Risikohebel im Vergleich zu den Vormonaten wieder deutlich nach unten gedrückt. Da passt es gut, dass die US-Inflationszahlen im Oktober nur “moderat” angestiegen sind und damit ein wahres Kursfeuerwerk an den Börsen ausgelöst haben. Das ist Balsam auf den Wunden.

“Aufgrund der aktuellen Ereignisse konnten Energie-Aktien ein Revival erleben und in einer fulminanten Rallye den Wert diese Woche wieder auf das Niveau von 2014 klettern.”

Denn in Summe ist und bleibt 2022 ein außergewöhnliches (schlechtes) Jahr und wird sich damit definitiv einen Platz in der Börsengeschichte sichern. Ein Sektor – irgendwie werden bei mir da Erinnerungen an Asterix und seine Gallier wach – ist allerdings die rühmliche Ausnahme. Der Energieindex (S&P 500) hat zwischen 2014 und Ende 2020 mehr als 70% seines Wertes eingebüßt. Aufgrund der aktuellen Ereignisse konnten Energie-Aktien ein Revival erleben und in einer fulminanten Rallye den Wert diese Woche wieder auf das Niveau von 2014 klettern. Entgegen dem Trend entspricht das dem 3,5fachen Wert im Vergleich zu Ende 2020. Das wird die Teilnehmer der Klimakonferenz COP-27 vermutlich wenig begeistern. Im Vergleich dazu ist der Bitcoin-Kurs diese Woche auf den tiefsten Stand seit 2020 gefallen.

Apropos Börsenwert. Der erlauchte „Trillion-Dollar-Club“ – also jene Aktien, die mit mehr als einer Billion US-Dollar bewertet sind – hat mit Apple, Saudi Aramco, Microsoft und Alphabet nur mehr vier Mitglieder. Highflyer, wie Amazon, Tesla oder auch Meta (Facebook) mussten 2022 deutlich Federn lassen und den Platz an der Sonne bereits wieder räumen. Gerade für Technologieunternehmen zogen 2022 dunkle Wolken auf. Vergleichsweise gut gehalten hat sich die Apple-Aktie, welches mit einem Börsenwert von rund 2,2 Billionen US-Dollar gegenwärtig das wertvollste Unternehmen der Welt ist. Spannend finde ich, dass der Börsenwert damit jenem von Amazon, Alphabet und Meta zusammen entspricht.

Apropos Meta. Der Facebook-Konzern muss 11.000 Mitarbeiter und damit 13% seiner Belegschaft abbauen. Das ist der größte Stellenabbau der Unternehmensgeschichte. Grund dafür sind Probleme mit dem Kerngeschäft, also der Werbeeinnahmen mit Facebook und Instagram. Damit steht Mark Zuckerberg aber definitiv nicht alleine da. Vor wenigen Tagen hat auch Elon Musk angekündigt, 50% der insgesamt 7.500 Twitter-Mitarbeiter zu entlassen. Auch andere prominente Namen aus dem Tech-Sektor, wie z.B. PayPal, Netflix oder TikTok haben heuer bereits Mitarbeiter abgebaut.

Abschließend stellt sich die Frage, ob die Aktienmärkte dem historischen Muster folgen oder ob der Katzenjammer weiterhin anhält. Die Antwort dahin liefere ich am 31. Oktober 2023. Bis dahin muss ich aber noch eine Grundsatzentscheidung treffen: Ab sofort trinke ich wieder Espresso!