Finanznews, 01.10.2022

Luxus geht immer!

In dieser Kolumne geht es um unterschiedliche Ansichten über die aktuelle EZB-Strategie, Birkenstock-Sandalen und die außergewöhnlichen Gründe, die die britische Notenbank zu Notfallmaßnahmen verleitete.

2022 ist anders!

Was haben die Finanzmärkte und ich dieser Tage gemeinsam? Diese Frage stelle ich mir, als ich mit meinem morgendlichen Espresso aus dem Fenster blicke. Das Wetter ist ungemütlich. Es regnet, es ist kalt und irgendwie fällt es mir in diesem Umfeld deutlich schwerer, morgens aus den Federn zu kommen. Ähnlich dürfte es auch den Finanzmärkten gehen. Der amerikanische S&P 500 ist sechs Handelstage in Folge gefallen. Das ist die längste Serie seit Februar 2020, als Corona so richtig an Fahrt aufgenommen hat.

Das Zünglein an der Waage sind die Notenbanken. Die Entscheidungsträger sind im Spannungsfeld zwischen Inflationssorgen, Vertrauen in die Währung und einer stark abnehmenden Wirtschaftsdynamik gefangen. EZB-Präsidentin Lagarde hat im Juli die Zinswende eingeleitet und stellt weitere Zinserhöhungen in Aussicht. Für die nächste EZB-Sitzung am 27. Oktober scheint bereits nur mehr die Frage im Raum zu stehen, wie stark der Zinsschritt diesmal ausfallen wird.

Ziel der EZB-Strategie ist es, damit die Nachfrage zu dämpfen und die davongaloppierenden Inflationsraten einzufangen. In Deutschland hat sie mittlerweile sogar schon die 10%-Hürde erklommen- das ist immerhin der höchste Stand seit den 1950ern. Die Kehrseite der Medaille ist eine Drosselung des Wirtschaftsmotors und die Gefahr einer ausgewaschenen Rezession.  Auch die größte Volkswirtschaft der EU ist betroffen. Nach einem Wachstum von 1,4% im Jahr 2022, gehen deutsche Wirtschaftsforschungsinstitute davon aus, dass wir 2023 in eine Rezession eintreten und das BIP um 0,4% zurückgehen werde.

Der US-Ökonom Joseph Stiglitz geht mit der EZB-Strategie hart ins Gericht. Seiner Einschätzung nach ist die Inflation mit einer Angebotsverknappung zu begründen. In diesem Zusammenhang verweist er auf die anhaltenden Lieferkettenprobleme als Folge der Pandemie sowie die durch den Russland-Ukraine Konflikt stark gestiegenen Energie- und Rohstoffpreise. Die Wurzel des Problems kann laut Einschätzung von Stieglitz daher nicht durch eine Drosselung der Nachfrage gelöst werden.

“Spannend finde ich auch, dass die britische Notenbank ab sofort Staatsanleihen mit langer Laufzeit auf ihre Bücher nehmen will, um dadurch den Markt zu stabilisieren.”

Und dann setzte am Mittwoch dieser Woche die britische Notenbank noch einen drauf, in dem sie erste Notfallmaßnahmen ergriffen hat, um dem Absturz des Pfundes und der stark abnehmenden Wirtschaftsdynamik entgegenzuwirken. Spannend finde ich auch, dass die britische Notenbank ab sofort Staatsanleihen mit langer Laufzeit auf ihre Bücher nehmen will, um dadurch den Markt zu stabilisieren. Diese ultralockere Geldpolitik diente in der Vergangenheit oft als Krisenbekämpfungsmittel und wurde z.B. in der Finanzkrise oder in der Corona-Pandemie eingesetzt. 2022 ist aber anders! Diesmal wird die Strategie dazu eingesetzt, um die Auswirkungen der Haushaltspläne der eigenen Regierung zu begrenzen. Und das würde ich per se einmal nicht als positives Signal werten.

Am 15. September 2008 ging Lehman Brothers, eines der ältesten Investmenthäuser der Wall Street und die viertgrößte Investmentbank der USA, bankrott. Ein Tag, der die Finanzwelt zutiefst erschütterte. Es folgte eine Finanzkrise, die auch die Realwirtschaft mit in den Abgrund zog. Diese Woche wurde die Lehman-Insolvenz endgültig abgewickelt. Kunden und besicherte Gläubiger wurden mit 106 Milliarden Dollar voll entschädigt, unbesicherte Gläubiger erhielten immerhin noch 41% ihrer Forderungen erstattet. Damit endet die Pleite nach mehr als 14 Jahren für die Gläubiger noch einigermaßen glimpflich. Das Lehman-Kapital kann nun auch formal geschlossen werden.

Abschließend blicken wir noch einmal auf die Aktienmärkte. Alle Porsche-Liebhaber können jetzt eine der 911 Millionen Porsche-Aktien in ihr Depot aufnehmen. In Bezug auf den Ausgabepreis liegt die Marktkapitalisierung am unteren Ende der Bandbreite. 75 Milliarden sind aber selbst in diesem inflationären Umfeld kein Schnäppchen. Aber wie heißt es so schön: Luxus geht immer!

Das kann mit Sicherheit auch Bernault Arnault, Chef des Luxusgüter-Konzerns Louis Vuitton bestätigen. Gemeinsam mit seiner Familie besitzt er knapp die Hälfte der Unternehmensanteile. Mit einem geschätzten Vermögen in der Höhe von $129 Milliarden ist er reichster Europäer und der viertreichste Mensch auf der Welt. Zu dem Imperium gehören mittlerweile über 70 Marken. Die Produktpalette geht vom Champagnerhersteller Moët bis zu den Birkenstock-Sandalen. Bei dem Vermögen wird Bernault sich locker einen neuen 911er leisten können. Fragt sich nur, ob er mit polierten Lederschuhen oder Birkenstock ausfährt?