Finanznews, 16.07.2022

Schwacher Euro und knappes Brennholz

In dieser Kolumne geht es um den Wertverlust des Euros, Super-Marios Krise und die Frage, wer den größten Teil vom Wirtschaftskuchen bekommt.

Hat die EZB Überraschungen im Talon?

Diese Woche ist es passiert. Ein Euro ist am Donnerstag erstmals seit dem Spätherbst 2002 weniger wert als ein US-Dollar. In der Spitze musste man wenige Wochen vor der Lehman-Pleite im Sommer 2008 1,60 US-Dollar investieren, um im Gegenwert dafür einen Euro ausbezahlt zu bekommen. Vor ziemlich genau einem Jahr betrug das Umtauschverhältnis noch 1,20 Dollar pro Euro. Die Hälfte des Wertverlustes musste der Euro in den letzten drei Monaten hinnehmen.

Finanzinvestoren suchen in Zeiten der Krise und Unsicherheit einen sicheren Hafen und das scheint nach wie vor der US-Dollar zu sein. Die einstige Vision, dass der Euro den Dollar als Leitwährung der Welt ablösen wird, hat sich bis dato nicht erfüllt. Bei einem Schluck Espresso muss ich unweigerlich an längst vergangene Tage aus dem Spätherbst 2002 denken. Die Aktienkurs sind nach dem Platzen der Internetblase im Keller und der Euro war weniger wert als der US-Dollar. Wie sehr sich doch die Zeiten ähneln!

Ist Bargeld noch zeitgemäß? Laut einer aktuellen Umfrage haben Deutsche durchschnittlich rund 100 Euro in der Brieftasche. Männer mit 113 Euro etwas mehr als Frauen mit 88 Euro. Wenig verwunderlich finde ich auch, dass mit zunehmendem Lebensalter der Bargeldbestand ansteigt. Cash erfreut sich trotz steigender Beliebtheit bargeldloser Zahlungsvarianten in Deutschland und Österreich immer noch großer Beliebtheit.

Auf der Zinsfront hat die Bank of Canada der EZB einmal was vorgelegt. Die Notenbank hat am Mittwoch überraschend stark die Leitzinsen um 1% auf 2,5% angehoben. Ich bin schon sehr gespannt, ob EZB Präsidentin Christine Lagarde kommende Woche auch eine Überraschung für uns im Talon hat? Marktteilnehmer gehen davon aus, dass Negativzinsen bald der Vergangenheit angehören.

“In Anbetracht stetig steigender Energiepreise wird selbst in Ländern mit großen Waldbeständen das Brennholz knapp.”

Einer ihrer Vorgänger heißt Mario Draghi. Dieser hat derzeit auch innenpolitisch einiges um die Ohren und musste diese Woche eine Vertrauensabstimmung überstehen. Die Krise ist für den in Finanzkrisen als „Super Mario“ bezeichneten Ministerpräsidenten aber noch nicht vorbei. Draghi hat seinen Rücktritt angekündigt, aber Staatschef Sergio Mattarella weigert sich, ihn anzunehmen. Wer weiß, ob nicht der ewige Dauerbrenner Silvio Berlusconi nicht schon in den Startlöchern scharrt?

Apropos Italien! Wussten Sie, dass Italien die achtgrößte Volkswirtschaft der Welt ist? Angeführt wird das Ranking von den USA, China und Japan. Das globale BIP wird laut Einschätzung des IWF 2022 erstmals die $100 Billionen-Schallmauer überschreiten. Die USA ist seit 1871 in der Poleposition und trägt aktuell rund 25% zur Weltwirtschaftsleistung bei. Dahinter lauert aber schon China. Sollte der Trend weiterhin anhalten, wird sich die Vormachtstellung der USA bereits in diesem Jahrzehnt dem Ende zuneigen und das chinesische Jahrhundert einläuten.

Die Energiekrise nimmt zu. In diesem angespannten Umfeld erlebt selbst Kohle – trotz ambitionierter Klimaziele – eine Renaissance. Aber auch Alternativen stehen hoch im Kurs. In Anbetracht stetig steigender Energiepreise wird selbst in Ländern mit großen Waldbeständen das Brennholz knapp. Und das zu einem Zeitpunkt an dem ich mir ernsthaft die Frage stellte, ob meine Espresso-Maschine nicht auch mit Pellets betrieben werden kann!