Finanznews, 03.12.2022

Wie grün sind grüne Fonds tatsächlich?

In dieser Kolumne geht es um Schlüsselfaktoren zur Prosperität, Jerome Powells Blick in die Glaskugel und die Frage, ob mit steigender regulatorischer Anforderung auch die Nachhaltigkeitsgüte der Produkte steigt.

Spreu vom Weizen trennen

Kaffee ist definitiv nicht gleich Kaffee. Für mich persönlich ist nur ein guter, starker Espresso ein wahrer Genuss. Wir sprechen hier schließlich von Kaffee in seiner ursprünglichsten Form. Um einen dünnen Filterkaffee oder einen Café Latte mache ich einen weiten Bogen.

Auch in der Wirtschaft versucht man sich seinen Ursprüngen wieder anzunähern. Es war nie der Zweck der Börse, die Welt so nahe an den Abgrund zu bringen. Der Einklang von Mensch, Natur und Wirtschaft war seit jeher der Schlüssel zur Prosperität. Dementsprechend ist die Finanzwirtschaft  in den letzten Jahren grün geworden. Für Investoren wird es aber zunehmend schwierig, die Spreu vom Weizen zu trennen. Denn – sind wir uns ehrlich – viele nutzen das Thema, um sich besser zu präsentieren, als sie eigentlich sind. Wie kann man hier den Durchblick bewahren?

Das Österreichische Umweltzeichen steht für Qualität. Nichts anderes erwartet man sich vom ältesten Nachhaltigkeitssiegel Europas. Aktuell tragen „nur“ 200 Fonds das Siegel, welches eine Vielzahl von Kriterien aus ökologischen, sozialen oder auch anderen Bereichen berücksichtigt. Als langjähriger Fondsmanager kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass es alles andere als einfach ist, diese Kriterien umzusetzen, weil die investierbaren Unternehmen sich stark reduzieren und somit weniger Raum für Diversifikation bleibt.

Doch auch die Europäischen Union hat sich dem Nachhaltigkeitsthema verschrieben und will die Finanzströme in eine nachhaltige Richtung lenken. Um das Ziel zu erreichen, wurde die Bürokratieschraube angezogen und hat die Fondswelt in konventionelle Fonds (Artikel 6), hellgrüne Fonds (Artikel 8) und dunkelgrüne Fonds (Artikel 9) untergliedert. Die Frage, die sich immer wieder aufdrängt ist, ob mit zunehmender regulatorischer Anforderung auch die Nachhaltigkeitsgüte der Produkte steigt.

Dieser Fragestellung sind meine Kollegen und ich in einer Studie, die wir gemeinsam mit Experten von ESG Plus erstellt haben, nachgegangen. In akribischer, monatelanger Kleinarbeit haben wir knapp 2.000 Aktienfonds in Europa analysiert. Prinzipiell gilt, dass die Nachhaltigkeitsgüte nach der EU-Klassifizierung mit zunehmender Anforderung ansteigt. So weisen konventionelle Fonds wenig überraschend im Durchschnitt eine geringere Nachhaltigkeitsgüte auf als hellgrüne oder dunkelgrüne Fonds.

Auffallend aber ist, dass bei einer ganzheitlichen Beurteilung die Nachhaltigkeitsqualität gerade bei Artikel 8 Fonds stark variiert. Artikel 8 Fonds sind damit kein Labeling und als Anleger sollte man sich bewusst sein, dass damit keine Rückschlüsse auf die Nachhaltigkeitsgüte zulässig sind. Anders formuliert: Der Fonds kann eine ausgesprochen hohe aber auch ausgesprochen geringe Nachhaltigkeitsqualität aufweisen.

Anders verhält es sich bei Fonds, die sich den Kriterien des Österreichischen Umweltzeichens unterworfen haben. Hier gilt: Die Fonds sind im Schnitt nachhaltiger als dunkelgrüne Fonds und weisen zudem eine stabilere Nachhaltigkeitsqualität auf. Das österreichische Umweltzeichen kann daher durchaus als Qualitätsstandard angesehen werden, was für die europäischen Klassifizierungen nur eingeschränkt gilt.

Kommen wir nun zu den Finanzmärkten. Diese Woche sorgte wieder einmal der Fed-Chef Jerome Powell für Aufsehen. Er hat bereits angedeutet, dass die amerikanische Notenbank in der Dezember Sitzung die Leitzinsen ein weiteres Mal erhöhen wird. Nach einer bisher im historischen Kontext beispiellosen Zinserhöhungsserie – noch nie wurde in so kurzer Zeit viermal in Folge der Leitzins um 0,75% angehoben – steht diesmal eine Erhöhung um „nur“ 0,50% im Raum. Zudem bereitete der Fed-Chef die Märkte bereits darauf vor, dass die Fed die Dinge in Zukunft etwas „langsamer“ angehen werde. Powell sehe bereits „erhebliche“ Fortschritte im Kampf gegen die Inflation.

Diese Nachricht versetzte die Märkte in Euphorie und löste ein kleines Kursfeuerwerk aus. Vor allem stark gebeutelte Tech-Unternehmen konnten von Powells Aussagen profitieren. Steigende Zinsen sind schließlich Gift für Aktien- und Anleiheninvestoren. Bleiben wir bei den Notenbanken. Auch die Europäische Zentralbank tagt heuer noch einmal. Für die Dezember-Sitzung ist die Richtung klar vorgezeichnet. Der Markt preist eine 80%ige Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung von 0,50% ein. Der Rest geht sogar von einer weiteren Zinserhöhung von 0,75% aus. Wohin die Reise geht, scheint klar.

Deutschland musste sich diese Woche bereits vorzeitig von der Fußball-WM verabschieden. Das ist hart, schließlich liegt der letzte WM-Titel nur wenige Jahre zurück. Trotz Mitgefühl muss ich noch eines draufsetzten. Österreichische Fonds weisen im Schnitt eine höhere Nachhaltigkeitsgüte auf als ihre deutschen Pendants! Österreich besiegt Deutschland! Und zwar dort, wo es wirklich zählt!