Finanznews, 17.09.2022

Wisch und weg, rauf und runter

In dieser Kolumne geht es um das Luxusgut eines Börsianers, den Traum vom Eigenheim und ein Jubiläum von Wisch und Weg.

Eigenheim rückt in weite Ferne

Mein Espresso haucht mir frühmorgendlich neue Lebensgeister ein. Auch wenn der Kaffeegenuss mittlerweile zum Luxusgut geworden ist, als Börsianer muss das wohl noch drinnen sein. Nachdem sich die Preise im Vorjahr nahezu verdoppelt haben, sind Kaffeebohnen auch heuer noch einmal spürbar teurer geworden. Mit einer Steigerungsrate von ca. 20% liegt man deutlich über der Gesamtinflation.

Neben der stark steigenden Preise im Nahrungsmittelbereich belasten auch steigende Wohnkosten immer stärker die Haushaltsbudgets. Als übermäßige Belastung definiert die EU, wenn mehr als 40% des Haushaltseinkommens für Wohnen ausgeben wird. Laut Eurostat betrifft das 8% der EU-27-Bürger. In Österreich sind es 5,9%, in Deutschland 10,7% und in der Schweiz sogar 13,9% der Bevölkerung. Es ist davon auszugehen, dass der Trend weiter ansteigen wird.

Nachdem Wohnen immer teurer wird und Kreditraten aufgrund der Zinsentwicklung steigen, können sich viele junge Menschen das Eigenheim nicht mehr leisten. Erschwerend kommt noch hinzu, dass etliche Banken hinsichtlich der Kreditvergabe deutlich restriktiver werden. In Österreich ist seit August eine Kreditvergaberichtlinie in Kraft, die neben der Rückzahlungsdauer auch die Eigenmittelquote und die Belastung des Haushaltseinkommens berücksichtigt. Aufgrund dessen dünnt sich die Schicht der potenziellen Käufer immer stärker aus.

Mehr Verkaufswillige in Kombination mit weniger Kaufwilligen sorgt in den seltensten Fällen zu stark steigenden Preisen. In Deutschland sind die Immobilienpreise im Juli und August bereits gefallen. Seit Jahresbeginn sind die Preise nur um 0,5% gestiegen. Bei Inflationsraten von über 8% bieten 2022 Immobilien auch keinen Inflationsschutz. Setzt sich der Trend in den nächsten Monaten weiter fort, droht sogar das erste negative Jahr seit 2009.

“Auf den Aktienmärkten geht es weiterhin munter einmal rauf und einmal runter.”

Die hohe Inflation dürfte auch Joachim Nagel, Präsident der Deutschen Bundesbank, sauer aufstoßen. Er erwartet für Deutschland zweistellige Inflationsraten und geht davon aus, dass weitere Zinsschritte der Europäischen Nationalbank folgen werden. Nachdem Christine Lagarde im September den Leitzins um 0,75% angehoben hat, steht die nächste Zinserhöhung bei der nächsten Sitzung Ende Oktober bereits ante portas. Die Frage scheint nur, wie hoch sie ausfallen wird.

Kommen wir noch zu den liquiden Vermögenswerten. Auf den Aktienmärkten geht es weiterhin munter einmal rauf und einmal runter. Oder, wie man im Fachjargon sagt, die Bären kämpfen gegen die Bullen. Besonders unter die Räder gekommen sind Technologie-Aktien. Seit Jahresbeginn hat der technologielastige Nasdaq-Composite Index um 10% mehr verloren als der Dow Jones Industrial Index. Eine der Größen ist Alphabet. Die Gründer Larry Page und Sergey Brin sind am 15. September 1997 mit der Google-Suchmaschine ins Netz gegangen. Alphabet ist mittlerweile mit $1,4 Billionen an der Börse bewertet und gehört damit zu den teuersten Unternehmen der Welt. Die Zinsen sind rund um den Globus gestiegen und haben bei entsprechender Laufzeit zu zweistelligen Verlustraten geführt.

Auch die Dating-App Tinder feiert dieser Tage sein 10jähriges Jubiläum. Die Wisch- und Weg Funktion hat das Liebesleben vieler Menschen verändert. Nachdem das in anderen Lebensbereichen nicht funktioniert, stellt sich für mich die Frage, ob ich statt meinem morgendlichen Espresso aufgrund der steigenden Preise doch lieber einen Grappa trinken sollte?