Finanznews, 02.07.2022

Zapfsäulen-Schock und Blick in die Glaskugel

In dieser Kolumne geht es ein Halbjahres-Resümee, notwendige Risiken, um den realen Geldwerterhalt zu bewerkstelligen und die Frage, ob uns im zweiten Halbjahr ein Crash bevorsteht.

Steht der große Crash bevor?

Jetzt ist es so weit. Mehr als die Hälfte des Jahres 2022 haben wir bereits hinter uns und es ist wahrlich viel passiert in den letzten Monaten. Es ist ein guter Zeitpunkt, um bei einem Espresso einmal ein kurzes Halbjahres-Resümee zu ziehen und der Frage nachzugehen, ob uns denn im zweiten Halbjahr ein Crash bevorsteht.

Geopolitisch hat Waldimir Putin mit seinem Einmarsch in die Ukraine die Welt in Atem gehalten.  Neben der humanitären Katastrophe, die die größte europäische Flüchtlingswelle seit dem 2. Weltkrieg ausgelöst hat, hat der Konflikt erheblichen wirtschaftlichen Einfluss. Putin lässt seine Muskeln spielen und setzt Europa unter Druck. Wird unser wichtigster Energielieferant den Gashahn abdrehen und uns kein Öl mehr liefern?

Gestern Abend habe ich wieder einmal unser Auto aufgetankt. Beim Blick auf die Zapfsäule wurde mir schmerzhaft bewusst, wie stark die Energiepreise gestiegen sind. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals für eine Tankfüllung weit mehr als 100 Euro bezahlt zu haben. Ein Liter Diesel kostet gegenwärtig um 50% mehr als zu Weihnachten und mehr als das doppelte als noch vor zwei Jahren.

Viele Länder weisen aktuell die höchsten Inflationsraten seit den 1970ern aus. Das Statistische Bundesamt hat diese Woche die Schätzung für die Juni Inflation vorgelegt. Spannend finde ich, dass die Inflation im Juni „nur“ 7,6% betragen soll. Im Vergleich zum Mai scheint sich die Lage etwas „entspannt“ zu haben. Mit einem Plus von 38% ist Energie der größte Preistreiber. Aber auch für Nahrungsmittel müssen heuer um 12,7% mehr bezahlt werden verglichen mit dem Vorjahr. Laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung sind vor allem Menschen mit einem niedrigen Einkommen betroffen. Mehr als die Hälfte der Geringverdiener wollen weniger Lebensmittel einkaufen und darüber hinaus die Ausgaben für Bekleidung und Schuhe einschränken. Im Gegensatz zu Deutschland ist die Inflationsrate in Spanien im Juni überraschend auf 10% geklettert. Estland hat mit 20,1% die höchste Inflationsrate aller EU-Länder.

“Nein, ein großer Crash steht uns in der zweiten Jahreshälfte nicht bevor!”

Der Druck auf die Europäische Zentralbank wird immer größer. Das die EZB Präsidentin Christine Lagarde im Juli die Zinsen anheben wird, scheint klar. Die Frage ist nur, in welcher Höhe. In den USA hat die Fed bereits vorgelegt und den Leitzins in drei Schritten um 1,50% steigen lassen. Weitere Zinsschritte bis Jahresende werden von den Finanzmärkten bereits eingepreist. In diesem Umfeld hat sich auch der gesamtwirtschaftliche Ausblick deutlich eingetrübt. Für heuer wird global mit einem Wirtschaftswachstum von 2,9% gerechnet. Im Vergleich dazu lag die Wachstumsrate im Vorjahr noch bei 5,7%. In Europa soll vor allem der Konsument einen wesentlichen Wachstumsbeitrag liefern. In Anbetracht dessen, dass das Konsumentenvertrauen stark zurückgegangen ist, frage ich mich aber, ob das eine realistische Annahme ist. So hat in Deutschland das Konsumentenvertrauen im Mai beispielsweise ein neues Allzeittief erreicht. Auch in den USA haben die jüngsten Entwicklungen Spuren hinterlassen. Das Konsumentenvertrauen der Uni Michigan ist auf den tiefsten Wert seit März 2009 gefallen und befindet sich damit auf „Rezessionsniveau“. Die Ausgabenfreudigkeit der US-Bürger ist aber nach wie vor intakt. Das geht allerdings zulasten der Sparquote, die auf den tiefsten Stand seit 14 Jahren gesunken ist.

“Ohne Risiken einzugehen, ist es aber aktuell nicht möglich, den realen Geldwerterhalt zu bewerkstelligen.”

In diesem Umfeld kommen auch die Rentenmärkte unter Druck. Die Renditen sind sowohl in Europa als auch in den USA deutlich angestiegen. Selbst vermeintlich sichere Anleihen von Deutschland oder Österreich müssen seit Jahresbeginn herbe Verluste hinnehmen. Durch die deutlich höheren Renditen ist das zukünftige Ertragspotenzial höher als noch vor wenigen Wochen. Ohne Risiken einzugehen ist es aber aktuell nicht möglich, den realen Geldwerterhalt zu bewerkstelligen.

Auch Aktieninvestoren mussten deutlich Federn lassen und sind in einen Bärenmarkt eingetreten. Nachdem der Schock der russischen Invasion rasch überwunden worden ist, ging es im 2. Quartal nochmals deutlich nach unten. Der breite amerikanische Aktienmarkt hat den schlechtesten Jahresauftakt seit den 1930ern erlebt. Besonders stark unter die Räder kamen zinssensitive Tech-Titel und damit die Stars der letzten Jahre. Durch die Kursrückgänge hat sich die fundamentale Bewertung von Aktien im Vergleich zu Jahresbeginn deutlich verbessert.

In den vergangenen Tagen haben mich viele Menschen darauf angesprochen, ob der große Crash bevorsteht. Die Angst ist auch unter Investoren spürbar. Eines vorneweg! Ich kann die Zukunft nicht vorhersehen und hier demnach nur meine subjektive Einschätzung darlegen.  Mal liege ich richtig, mal liege ich falsch. Nachdem sich Mut bekanntlich nicht kaufen lässt,  springe ich über meinen Schatten und wage einen Blick in die Glaskugel. An die geopolitischen Unsicherheiten werden wir uns gewöhnen müssen. Der Ukraine-Russland Konflikt wird zur Wachstumsbremse. Die Inflationszahlen gehen wieder etwas zurück, bleiben aber auf einem hohen Niveau. Die Zinsen werden weiter ansteigen und sowohl die EZB als auch die Fed werden im zweiten Halbjahr noch mehrmals die Zinsen erhöhen. An den Aktienmärkten kommt es zu einer Entspannung und die Zuversicht kehrt langsam wieder zurück. Und um auch die Eingangsfrage zu beantworten: Nein, ein großer Crash steht uns in der zweiten Jahreshälfte nicht bevor!